Bericht zur Kenia-Exkursion 2025
Geographiestudierende unterwegs in Kenia – Selbst- und Weltbilder reflektieren lernen auf Exkursionen

Die Große Exkursion stellt im Geographiestudium an der Universität Passau den Höhepunkt des Geographiestudiums dar. Die im Studium erworbenen Kenntnisse und Kompetenzen werden im Gelände vertieft und angewendet. In diesen Semesterferien sind 19 Studierende unter der Leitung von Prof. Dr. Andreas Eberth, Jonas Wagener (Professur für Geographie mit Schwerpunkt Bildung für Nachhaltige Entwicklung) und Charles Ochieng (The DISC Initiatives) drei Wochen auf Exkursion in Kenia gewesen und haben sich mit verschiedensten Schwerpunkten aus dem breiten Spektrum geographischen Erkenntnisinteresses beschäftigt, darunter Stadtentwicklung, Wirtschats-, Agrar- und Tourismusgeographie, Emotional Geographies, Kritische Sozial- und Entwicklungsgeographie sowie Physische Geographie mit einem Schwerpunkt auf der Geologie und Geomorphologie des Großen Ostafrikanischen Grabenbruchs. Durchgängig war dabei eine Reflexion aus postkolonialen Perspektiven grundlegend.
Die als Überblicksexkursion konzipierte Rundreise hat den Studierenden verschiedene Perspektiven auf das ostafrikanische Land eröffnet: vom Engagement von Community-based Organisations in den sogenannten ‚Slums‘ von Nairobi über die Kontroversen des Safari-Tourismus in der Massai Mara, der Bedeutung des Teeanbaus in Kericho bis hin zu Gegensätzen in Kenia, die im Norden des Landes deutlich geworden sind. Auf das breite Spektrum exkursionsdidaktischer Methoden wurde dabei stets zurückgegriffen. Dazu wurden vorab zahlreiche Materialien aufbereitet und Arbeitsanregungen im umfangreichen begleitenden Exkursionsdossier formuliert. Neben der Arbeit mit der Methode „Karten im Kopf“ nach dem Thinking Through Geography-Ansatz, wurde die Reflexive Fotographie sinnstiftend mit digitaler Kartenarbeit zusammengeführt. So haben die Studierenden eine Radtour im Kartenausschnitt einer thematischen Karte zum Naivashasee aus einem deutschen Schulatlas unternommen und währenddessen mit Reflexiver Fotografie gearbeitet. Dabei wurde das digitale Karten- und Partizipationstool PUBinPLAN eingesetzt, das von Prof. Dr. Roland Zink (Professur für Raumwissenschaften und Informationssysteme) an der TH Deggendorf entwickelt wurde. Die von den Studierenden aufgenommenen Fotos mitsamt ihrer reflexiven Einordnung können dort georeferenziert auf einer Karte eingestellt und ähnlich zu einem sozialen Netzwerk gegenseitig kommentiert und bewertet werden. Dieses Vorgehen ermöglicht einen intensiven Raumzugang und schult die reflexive Raumwahrnehmung. Die digitale Adaptation eröffnet den Vergleich von Raumwahrnehmungen und lädt zur kritischen Reflexion über die ‚Gemachtheit‘ sowie über einen konstruktiven Umgang mit Karten ein und wurde vor Ort erprobt.
Auch in Nairobi wurden Karten kritisch reflektiert, auf denen die räumlichen Disparitäten dieser Primate City offenbar werden. Neben einem modernen Central Business District und dem Cityerweiterungsgebiet im Bereich Upper Hill lebt über die Hälfte der Bevölkerung in sog. Slums. Wenngleich sich die dortigen Infrastrukturen deutlich von anderen Stadtteilen unterscheiden, sind in den letzten 15 Jahren weitreichende Veränderungen erkennbar. Diese sind auf das bemerkenswerte Engagement von Community-based Organisations zurückzuführen. Beeindruckt zeigten sich die Studierenden von den Nyoda Initatives, Miss Koch und Safegirlbox in Korogocho, die in engagierter Weise die Talente von Kindern und Jugendlichen fördern und ihnen Perspektiven eröffnen. Auch der international renommierte Modedesigner David Avido mit seinem Label lookslikeavido inspirierte die Gruppe – nicht nur wegen seiner Kollektionen, sondern auch mit Blick auf seinen Werdegang und sein Engagement für die Community in Kibera. All jene Perspektiven sind in den ersten Tagen der Exkursion zu Wort gekommen und haben das ‚Slum-Bild‘ der Studierenden transformiert.
Globale Verflechtungen und damit auch das Konsumverhalten in Deutschland wurden am Beispiel der Rosenzucht am Naivashasee, dem Anbau von Tee in der Region Kericho und Ananas in Ol Donyo Sabuk diskutiert. Dieser exportorientierte Anbau von sog. Cash Crops erfolgt zumeist in Monokultur mit fragwürdigen ökologischen Auswirkungen und sozialen Bedingungen. Dies wurde kontrastiert durch den Besuch einer Small-scale Farm. Dort erfolgt der subsistenzorientierte Anbau von Feldfrüchten mit Marktanschluss im Sinne gemischter ökologisch angepasster Farmwirtschaft.
Eine besondere Erfahrung auf dieser Exkursion war die mehrtätige Fahrt in den Norden des Landes bis zum Turkanasee. Diese Region unterscheidet sich klimatisch deutlich vom dicht besiedelten fruchtbaren Hochland im Südwesten. So erwies es sich als überaus beeindruckend zu sehen, mit welchen Livelihoodstrategien die lokale Bevölkerung seit Generationen in Trockensavanne und (Halb-)Wüste lebt. Parallel zu traditionellen Anpassungsstrategien wie Pastoralismus wird vor Ort der größte Windpark Subsahara-Afrikas als hochmoderne Anlage von einem US-amerikanischen Unternehmen betrieben. Die physisch-geographische Besonderheit des Turkana-Jets, als einem regional in einem Kanal zwischen kenianischem und äthiopischem Hochland beschleunigten und aus Richtung des Indischen Ozeans kommenden Windsystems wird hier zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen genutzt. So wird ein nennenswerter Beitrag zum kenianischen Strommix geleistet. Der Anteil der erneuerbaren Energien am Strommix in Kenia liegt gegenwärtig bereits deutlich höher als in Deutschland. Die besonderen Bedingungen in dieser Region bekam die Exkursionsgruppe auch insofern zu spüren, als die Hitze und geomorphologischen Gegebenheiten auch für die Autos eine Herausforderung darstellten. Nach zahlreichen pannenbedingten Zwischenstopps musste mit Einbruch der Dunkelheit ein ungeplanter Zwischenstopp zur Übernachtung bei der Missionsstation der Schwestern zum Hl. Jospeh in South Horr eingelegt werden. Die Spontanität und Gastfreundschaft in Kenia erfüllten die Studierenden nicht nur bei dieser Gelegenheit immer wieder mit Dankbarkeit. Die Übernachtung war insofern eine von vielen ungeplanten Lerngelegenheiten, die so nicht vorbereitet werden können, aber einen ungemein wichtigen Bildungsanlass für die Teilnehmenden darstellen. Gerade diese Lerngelegenheiten sowie die zahlreichen Begegnungen und der Austausch mit der lokalen Bevölkerung regten die Studierenden zu intensiven reflexiven Auseinandersetzungen an. Fragen der Critical Whiteness, von Rassismuskritik, des Otherings und Selfings wurden entlang sog. Wahrnehmungsfilter durchgehend thematisiert. Dabei stand die Reflexion eigener Privilegien und des Eingebundenseins in globale Ungleichheitsverhältnisse im Vordergrund.
An der Universität Passau werden Exkursionen in diesem Sinne nicht als Lehrveranstaltungen zur reinen Wissensvermittlung angeboten, sondern sind Bildungsangebote im wahrsten Wortsinne zur reflexiven Auseinandersetzung mit Selbst- und Weltverhältnisse. Gerade für Lehramtsstudierende ist dies bedeutsam, um etablierte Denkmuster aufzubrechen und zu rekonfigurieren, um später einen zeitgemäßen, kritischen und reflektierten Geographieunterricht gestalten zu können. Auch für die teilnehmenden Studierenden der Studiengänge Journalistik und Strategische Kommunikation sowie European Studies erwies sich dies als essenzielle Reflexion über das medial verbreitete einseitige ‚Afrika‘-Bild sowie ein Bewusstwerden über eigene eurozentrische Perspektiven und der Bedeutung angemessener Eurozentrismuskritik. Vor dem Hintergrund dieses Anspruchs werden Exkursion an der Universität Passau auch strukturiert reflektiert und evaluiert. Bereits in einer Begleitforschung zu einer vorhergehenden Kenia-Exkursion im Jahr 2024 hat Jonas Wagener, Studentischer Mitarbeiter an der Professur für Geographie mit Schwerpunkt Bildung für Nachhaltige Entwicklung, aufgezeigt, dass es vor allem auf die reflexive Auseinandersetzung mit verschiedenen Lerngelegenheiten ankommt. Während der Kenia-Exkursionen der Universität Passau reisen die Studierenden gemeinsam mit Kenianer*innen: „Insbesondere in einem transkulturellen Lernsetting kann es gelingen, eingefahrene Denkmuster zu hinterfragen, Raum-, Welt- und Selbstbilder zu erweitern und einen reflexiven Umgang mit der eigenen Perspektivität zu fördern. Durch das Lernen mit und von den Menschen und Kontexten vor Ort kann nicht nur das Bewusstsein für globale Zusammenhänge geschärft werden, sondern auch die Fähigkeit entwickelt werden, eigene Handlungs- und Denkmuster aufzubrechen“. Durch verschiedene weitere empirische Erhebungen vor Ort leistet nun auch diese Exkursion einen Beitrag zur Stärkung des Forschungsschwerpunkts Exkursionsdidaktik an der Universität Passau. Für die notwendige finanzielle Unterstützung, durch die derlei Erfahrungen erst möglich werden, ergeht ein besonderer Dank an die Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät für die Bezuschussung der Reisekosten der Studierenden. Eine visuelle Dokumentation aller Programmpunkte ist auf dem Instagram-Kanal der Geographie Passau zu finden.
Jonas Wagener, Andreas Eberth